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Achim Berthold
Achim Schlemmer und Berthold Metz vollziehen die Rückkehr des Menschlichen ins Digitale.

Lehrerfreund schrieb dazu am 04.02.2012 | #permlink

Fataler Trend: Infografik statt Text. Beispiel "Can Apple save Education" - http://t.co/WSc0HsxO

Silvan schrieb dazu am 05.02.2012 | #permlink

Danke für den Hinweis, und die zutreffende Kommentierung! Die Grafik ist genial! Denn sie ist unfreiwillig selbst ein Zeichen der Bildungskrise, von der sie spricht - oder zu sprechen behauptet, man müsste es aber wohl eher "malen" statt "sprechen" nennen...

Ob es nun mehr eine Frage der Fähigkeit, oder mehr eine Frage der Bereitschaft (weniger vom ersten erhöht natürlich den Bedarf an zweiterem) ist, sich umfassender und intensiver reflektierend und auch kritisch mit längeren Texten zu befassen ist, wäre zu diskutieren. Und genau das wäre bei dem Thema der Grafik dringend nötig. Wie wurden die Zahlen erhoben, die dort dargestellt werden? Sind es Ausschnitte aus Zahlen, die vielleicht auf diese Weise passend gestutzt wurden? Und selbst wenn nein, sind nicht noch andere Schlußfolgerungen als die so plakativ verbreiteten möglich? Wie viel Substanz steckt wirklich in der Grafik, wie viel Aussage und wie viel Nutzen?

Die optische Unterstützung dieser Darstellung grenzt ja schon an Nötigung, nicht nur die Zahlen, sondern auch deren spärliche und wenig substantielle Schlußfolgerungen gar nicht mehr in Zweifel zu ziehen. Der Wunsch nach Kohärenz und Harmonie mit diesem optisch ausgestalteten Werk droht stärker sein als der Wunsch nach Zweifeln ;-)

Fakt ist, dass Informationsvermittlung und Werbung immer mehr zusammenrücken in den Methoden, leider nur sehr einseitig in die eine Richtung. Echte Information (von der es zumindest quantitativ heutzutage natürlich immer mehr gibt durch die globalen Kommunikationsnetze) konkurriert nicht nur mit Werbe-Blasen, sondern auch zunehmend mit sich selbst um die trotz wachsender Bevölkerungszahlen letztlich limitierter Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig läßt sich heutzutage kaum ein einziges gesellschaftliches Anliegen mehr ohne genau diese Methoden erfolgreich ins Gespräch und in die Medien bringen. Selbst Wissenschaftler verbringen mehr und mehr, ob für das Einwerben von Drittmitteln oder um die nächste Runde der Excellenzinitiative zu bestehen, ihre Zeit damit, ihr Wissen in Grafiken zu gießen oder gießen zu lassen, ihre Büros und Labors und Flure aufpolieren zu lassen, begleitet von Coachings und Beratungsleistungen spezialisierter Agenturen, die von A bis Z jedes Detail in der Außendarstellung überarbeiten, während das, worum es eigentlich einmal ging, immer mehr in den Hintergrund tritt.

Der Tag wird kommen, wo wir den scheinbar vertrottelten und leicht exzentrischen, in seinem Fachgebiet aber bahnbrechend genialen Professor an den Unis vermissen werden. Nicht, weil er nicht in der Lage, sich abends seinen (Handy-)Wecker zu stellen, oder weil er ohne Strümpfe morgens in die Vorlesung schlurft. Sondern weil er den mit allen Wassern gewaschenen Kommunikationsmanagern, die mehr Zeit auf ihre Außenkommunikation und -darstellung verwenden als auf ihr Fachgebiet, was in Zeiten vom Übermaß an scheinbar gut und reichlich verfügbarem Wissens sich viel leichter als früher verstecken läßt, hoffnungslos unterlegen ist.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es spricht natürlich absolut nichts dagegen, wenn Informationen verständlich dargestellt werden - die Möglichkeiten dazu sind heute besser als je zuvor, und speziell im Bereich der Wissenschaft gibt es bestimmt auch eine berechtigte Bringschuld der Gesellschaft gegenüber, die das alles finanziert.

Sorge bereitet mir allerdings, dass wir im Rahmen der Informations-Überflutung uns so sehr nach Einfachheit sehnen, dass wir zugleich Gefahr laufen, Themen und Aussagen für relevanter und wichtiger zu erachten, die lauter, plakaktiver und scheinbar verständlicher vorgetragen werden, und so auch besser in die Talkshows passen als komplexe Fragen mit noch komplexeren Antworten.

Zugleich gibt es immer eine Grenze, ab der eine Information durch Reduktion nicht mehr einfacher, sondern falsch wird. Das gilt im besonderen Maße für die Verführungskünste von ausgefeilten Schaubildern, deren Schlüssigkeit sich dadurch nicht zwangsläufig erhöht. Ist es vielleicht, um ein im Netz schon oft gebrauchtes Bild zu verwenden, am Ende so, dass uns die Evolution nicht zwingend höher und weiter bringt?
/uploads/2012/02/evolution-auf-und-ab.serendipityThumb.png
/uploads/2012/02/hoehlenmalerei.serendipityThumb.pngSondern um beim Thema zu bleiben, eine unsere größten Kulturtechniken, die Schrift, zugleich als Schlüssel zur Komplexität fremd und mühsam wird, und wir zumindest ein bisschen zurückkehren in die Zeit, als wir Bilder anstelle von Worten an den Höhlenwänden verewigten?

Berthold schrieb dazu am 05.02.2012 | #permlink

Also erst mal: Alles, was du schreibst, hat meine totale Unterschrift. Aber:

> dass uns die Evolution nicht zwingend höher und weiter bringt?

Ich finde bei dieser Diskussion immer sehr schwierig zu entscheiden, was "höher" und "weiter" bedeutet. Seit Jahrtausenden geht das so, dass alle neuen Technologien, Kulturfortschritte und Darstellungsformen erst mal grundsätzlich schlechter beurteilt werden als "das Alte". Das ist der Generationenkonflikt.

Vielleicht ist es einfach ein anderer Zweig auf dem Baum der Evolution, der gestärkt wird, wenn die Leute nichts mehr denken, sondern nur noch aussagelose (aber hübsche) Bilder weitertwittern? Und vielleicht geht die Menschheit deshalb unter, und die Hornissen und Elefanten können sich endlich wieder vermehren, obwohl sie wegen menschlicher Umweltverschmutzung fast schon am Aussterben sind? Wäre das nicht auch ein "höher" und "weiter" (natürlich ein für uns ziemlich unangenehmes)?

Intuitiv gebe ich dir natürlich Recht. Wenn das so weitergeht, sitzen unsere Enkel wieder in der Höhle und lallen vor einem Bild, das sie auf die Wand schmieren. Schade.

(Ist ja auch egal. Liest eh kein Schwein, weil's zu lang ist. Wenn wir daraus ein Bild gemacht hätten, hätten sie es weitergetwittert und gefacebookt, ohne es anzuschauen, und wir wären berühmt und reich geworden.)

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